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In einer weniger grauen, aber auf andere Weise unbehausten Stadt – Langenhagen bei Hannover – hat Karin Sander sechs Litfasssäulen mit Raufaser tapeziert und so
einen negativen Raum – die Wand bleibt immer Außenwand – mit den Merkmalen eines Innenraumes versehen. Diese Arbeit macht nicht nur ziemlich überraschend die Allgegenwart von Litfasssäulen im Stadtraum bewusst (weil sie ausnahmsweise
weiß sind), sondern auch dass innen und außen, Innenraum und Außenraum weniger klar abgegrenzt sind, als wir gewöhnlich meinen, und überraschend ineinander kippen können. Immer handelt es sich um die Untersuchung des Bereiches zwischen
der Vorderseite und der Rückseite der Dinge.
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Es spricht für ihre Arbeit, dass das oft witzig ist und manchmal auratisch – denn Karin Sanders geht über das rein Konzeptionelle des Untersuchens
hinaus und lässt eine andere Wirklichkeit aufscheinen, was ja seit je das uneingelöste Versprechen der Kunst ist. Die Kunst von Karin Sander zeigt dabei einen Variantenreichtum, der angesichts der Sparsamkeit ihrer Eingriffe in die
Situationen, die Räume, die Dinge frappierend ist. Das ergibt sich auch daraus, dass ein Betrachter ihrer Arbeiten immer in spezifischer Weise auf sich selbst und seine Situation verwiesen wird und nur etwas mit ihnen anfangen kann,
wenn er sich bewegt, sich wendet, distanziert und nähert.
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Obwohl ihre Arbeiten sich mit der Oberflächlichkeit der Dinge befassen, entfalten sie sich nur der interessierten Wahrnehmung, nicht der beiläufigen
Betrachtung. Höchste Oberflächlichkeit ist in diesem Sinne ein Maßstab, der auf die Genauigkeit und Subtilität der Untersuchung der Oberfläche, also des Sichtbaren abzielt. Karin Sander liefert Grundierungen für Blicke hinter den Rücken
der Dinge: je genauer man ihre Vorderseite betrachtet, desto durchlässiger zeigt sie sich.
Harald Welzer
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